Fortgeschritten

Was heißt hier „fortgeschritten“ ?

Gedanken für erfahrene Ashtanga Yoga Mysore Style Praktizierende

Fortgeschritten im Yoga hat nichts mit Asana zu tun, gar nichts.
Viele Asanas, komplexe Asanas – kann man alles machen, und trotzdem kann dabei das Entscheidende auf der Strecke bleiben. Wenn beim Üben der Atem stockt und stampft, wenn Ausrichtung und Haltung nicht stimmig sind und aus den Fugen geraten, wenn das Nervensystem zu zittern beginnt und der Körper, durch ein Übermaß an innerem Feuer, im Schweiß ertrinkt, dann kann man zwar trotzdem komplette Intermediate und/oder Advanced üben, aber. Ist das dann „fortgeschritten“ ? Nein.

Atme ich? Trägt mich ein stabiler, ausgewogener Ujjaji-Atem durch meine Praxis? Atme ich überhaupt Ujjaji? Oder produziere ich nur Geräusche in Nase und Rachenraum? Sind meine Asanas belebt? Werden sie von mir bewohnt? Werden meine Asanas von meiner Seele getragen? Sind sie mit Geist durchströmt? Ist meine Praxis solide, stimmen die Basics? Oder reihe ich nur verschiedene Körperhaltungen aneinander, weil ich physisch dazu in der Lage bin?
Es lohnt sich nicht wirklich, bei der Beantwortung dieser Fragen zu schummeln.

Eine Yogapraxis muss kohärent und ganzheitlich wachsen. Der ewig währende Prozess von Wachstum und Veränderung muss in gleichen Maßen den Geist, den Körper und das Herz mitnehmen. Der Körper muss sich harmonisch formen und entwickeln: arbeitet man einseitig und verlässt sich nur auf seine Stärken – sei es Kraft in Armen und Oberkörper, sei es Flexibilität im unteren Rücken – werden physiologische Strukturzusammenhänge unausgewogen und können, früher oder später, zu Schmerz und Verletzung führen.

Schmerz – ein diffiziler Drahtseilakt

Schmerz. Schmerz ist ein unumgängliches Thema. Er ist fester Bestandteil des Prozesses. Aber: Wir vollführen bei diesem Thema auf einen schwierigen Akt auf einem sehr dünnen Drahtseil.
Es gibt einen deutlichen Unterschied zwischen Schmerz, der Ausdruck von Veränderung und Entwicklung ist. Und, auf der anderen Seite, Schmerz, der aus der Wiederholung falscher Bewegungsabläufe, mangelnder Achtsamkeit und einer gierigen, vorwärtsdrängenden inneren Haltung entsteht.

Vertraue auf deine Intuition, höre auf deine innere Stimme und lerne, zwischen diesen beiden Qualitäten von Schmerz zu entscheiden.
Schmerz als Ausdruck von Veränderung ist intelligent. Sobald du verstanden hast, was dir dein Körper / Geist / Herz durch bestimmte Empfindungen sagen will, verändern sich diese in ihrer Qualität und/oder Lokalität. Oder sie verschwinden ganz. Schmerz jedoch, der die Folge von wiederholt ungesundem Alignment ist, ist langanhaltend, scharf und kalt. Solcher Schmerz hat nur noch wenig mit „Selbstfindung“ zu tun. Auch ist er unnötig.
Sei in dieser sensiblen Angelegenheit aufrichtig gegenüber dir selbst und halte nicht dogmatisch an einem System fest, nur, weil „es so zu sein hat“ und „weil man es so macht“.

Wird eine Praxis durch Disziplin allein aufrecht gehalten, und ermangelt sie wärmender Qualitäten wie Spaß, Neugierde und einer gewissen Art der Leichtigkeit, so schießt sie an ihrem eigentlichen Ziel vorbei. Früher oder später wird sie einen Weg finden, dich zu brechen. Wahrscheinlich wendet man sich dann von ihr ab. Denn eine spirituelle Praxis ist nichts, was man „durchzieht“ oder, aus falschen Annahmen, gar aushält. Eine spirituelle Praxis zieht man weder durch, noch hält man sie aus.

Eine fortgeschrittene Yogapraxis ist in jeder Hinsicht nährend. Sie ist „nach Hause kommen“. Sie ist, jeden Moment aufs Neue, ein unaufgeregtes sich Zurückbringen in den Zustand innerer Balance.